Kaukasus / Armenien: Mein eigener Wasserfall
27.01.12 // 10:41 uhr
projekt: diashow kaukasus
Der Tag lichtet sich über Sisian. Über Nacht hat mich ein gehöriges Gewitter immer wieder aus dem Schlaf gerissen. Leuchtend helle Blitze verwandelten mein kleines Zimmer immer wieder in den grellen Lichtstrom einer großstädtischen Diskothek. Mein Blick schweift durch den Raum, verfängt sich ständig an dem quadratischen Kasten neben der Tür. Tellergroß mit regelmäßigen Löchern an der Oberfläche und herrlich kräftig orange. Eine Kabelleitung führt von ihm über die Wand zu einem kleinen Mauerdurchbruch oberhalb des Fensters um von dort nach draußen in den Flur zu verschwinden. Ich stelle mir vor, wie eine rauchige, bestimmende Frauenstimme alle Bewohner des Hotels zu einer Art Morgenappell beordert deren Nichtbeachtung eine Sanktionierung im Frühstücksraum unweigerlich nach sich zieht. Die Stimme aber ertönt nicht und der orangene Kasten verharrt stumm an der Wand. Meine Hoffnungen hotelinterner fernsprachlicher Unwetterwarnungen richten sich daher auf das grüne Telefon in kantiger Form neben meinem Bett. Es verfügt ausschließlich über einer quer aufliegenden Hörer. Eine Wählscheibe oder gar ein Tastenfeld fehlt hingegen völlig. In den schmalen Postenhäuschen an der Deutsch-Deutschen-Grenze standen auch immer solche Einbandstraßenfernprecher. Während meiner damaligen Grenzübertritte klingelten Sie aber nie und auch dieser kaukasische Bruderapparat bricht nicht mit dieser Tradition. Zu gerne hätte ich einmal den Hörer abgenommen und Anweisungen meiner Zimmerwirtin entgegengenommen. Leider sind mir diese Ideen grundsätzlich immer nur während der Nachstunden gekommen und für derartige Erklärungsversuche reicht mein Armenisch bei weitem nicht. Genau genommen verstehe ich von dieser so fremd klingenden Sprache nicht ein einziges Wort. Irgendwann blitzt und donnert es nicht mehr und ich stehe auf. zum Frühstück gibt es Eier mit lustigen kleinen runden Wurststücken darin und Kaffee eines bekannten Schweizer Instandhersteller. Der Tag soll Regen bringen - zumindest exklusiv für mich. Unweit meiner Herberge, die mich des Nächtens mit so wundervollen Unwettern versorgt hat, stürzt das Wasser des Vorotan über felsigen Grund in die Tiefe. Eigentlich nichts besonderes, hier geschieht das aber so: Nachdem alle Wurststückchen bedeckten Eier verputzt sind, fahre ich mit Garik nach Shaki, nur wenige Kilometer entfernt in Richtung karabachischer Grenze. Die Fahrt ist kurz und bietet außer einem kleinen rundlichen Polizisten, den Grarik nach dem rechten Weg fragt und der uns in seiner gestenreichen Erklärung in zwei grundverschiedene Himmelsrichtungen schickt nichts weiter spektakuläreres. Aber wir kommen dennoch an. Der Weg zum schaltbaren Wasserfall endet an einem Gitterzaun mit einem so imposanten Vorhängeschloss, daß ich nicht genau weiss was hier eigentlich was zusammenhält. Wir hupen emsig und werden irgendwann erhört. Zwei jungenhafte Torwächter stapfen durch das hüfthohe Gras jenseits des Zaun. Wohlfeil informieren wir über unser Ansinnen und blicken in zwei verneinende Augenpaare. Sogleich beginnt dieses herrliche Austauschen von Pro- und Contraargumenten was ich an Osteuropa einfach unwiderstehlich finde und so sehr liebe. Jedwede Sinnhaftigkeit besteht ausschließlich darin die eigenen Positionen in immer neue Wort- und Satzkonstruktionen zu kleiden ohne auch nur einen Deut von seinem eigentlichen Ziel abzuweichen. Glücklicherweise geschieht die aktuelle Konversation auf Russisch, wodurch ich nicht gänzlich von ihr ausgeschlossen bin. Zugegeben Irgendwann ändern Garik und ich einfach so die Strategie und erwähnen nicht gerade beiläufig die Frage ob es wohl möglich sein soll, daß ein deutscher Journalist ohne dieses eigentümliche Naturschauspiel nach Hause zurückkehren kann. Wenn gar nichts mehr geht, an der Ehre eines Armeniers zu seinem Heimatland führt kein Weg vorbei: Diskussion schlagartig beendet - Tor auf. Grossartig! Garik parkt den Wagen und wir klettern mit unseren ehrgestärkten beiden neuen Freunden über ein paar Hügel zu eine Anhöhe hinauf.
Da steht er also vor mir, der wundersamste Wasserfall Armeniens. Mehrere Duzend Meter hoch und knapp doppelt so breit. Das heißt eigentlich stehe ich vor einen Felswand und die ist ziemlich trocken. Lediglich im oberen rechten Drittel kämpft sich eine kleine Wasserader in Richtung Tiefe. Die ehrgestärkten Hüter des kostbaren Nass bitten mich Platz zu nehmen. Folgsam suche ich mir einen kleinen Felsen und bringe mich in Position. Einige Meter werde ich noch zurückbeordert und dann verschwinden die beiden sekundenschnell. Auch Garik ist nicht mehr zu sehen und ich hocke mutterseelenallein auf einem Stein irgendwo im Nirgendwo. Gespannt blicke ich auf das herab tröpfelnde Rinnsal. Sekunden bevor ich meine kurzfristige Überlegung, mich hier eventuell doch häuslich nieder zu lassen in die Tat umsetzen kann beginnt die Wassershow. Erst in der Mitte des Massivs, dann über seine ganze Breite bricht das Wasser über die Kuppe in die Tiefe. Laut, brachial einer Naturgewalt gebührend tost es mir um die Ohren. Mir bleibt nur eine Wahl: In Erinnerung des Traurig tröpfelnden Duschmöglichkeiten im Haus der grünen Telefonapparate stürze ich mich freudig fröhlich in das feuchte Vergnügen. Eine Herrlichkeit die kein Ende nehmen mag. Schließlich beende ich mit Rücksicht auf meine Körpertemperatur das bergische Bad und klettere wieder ins Trockene. Am erneut wieder verschlossenen Tor treffe ich die beiden Wächter wieder, werde hinausgelassen und weiß nun auch endlich was es mit dem Wasserfall von Shaki auf sich hat:
Genaugenommen haben die beiden für mich nicht an- sondern eher abgestellt. Nämlich die Turbinen des lokalen Kraftwerks die sonst von der Naturgewalt gespeist und angetrieben werden. Dankend und geduscht steige ich, um eine kaukasische Attraktion reicher ins Auto und brause davon.
Der Tag lichtet sich über Sisian. Über Nacht hat mich ein gehöriges Gewitter immer wieder aus dem Schlaf gerissen. Leuchtend helle Blitze verwandelten mein kleines Zimmer immer wieder in den grellen Lichtstrom einer großstädtischen Diskothek. Mein Blick schweift durch den Raum, verfängt sich ständig an dem quadratischen Kasten neben der Tür. Tellergroß mit regelmäßigen Löchern an der Oberfläche und herrlich kräftig orange. Eine Kabelleitung führt von ihm über die Wand zu einem kleinen Mauerdurchbruch oberhalb des Fensters um von dort nach draußen in den Flur zu verschwinden. Ich stelle mir vor, wie eine rauchige, bestimmende Frauenstimme alle Bewohner des Hotels zu einer Art Morgenappell beordert deren Nichtbeachtung eine Sanktionierung im Frühstücksraum unweigerlich nach sich zieht. Die Stimme aber ertönt nicht und der orangene Kasten verharrt stumm an der Wand. Meine Hoffnungen hotelinterner fernsprachlicher Unwetterwarnungen richten sich daher auf das grüne Telefon in kantiger Form neben meinem Bett. Es verfügt ausschließlich über einer quer aufliegenden Hörer. Eine Wählscheibe oder gar ein Tastenfeld fehlt hingegen völlig. In den schmalen Postenhäuschen an der Deutsch-Deutschen-Grenze standen auch immer solche Einbandstraßenfernprecher. Während meiner damaligen Grenzübertritte klingelten Sie aber nie und auch dieser kaukasische Bruderapparat bricht nicht mit dieser Tradition. Zu gerne hätte ich einmal den Hörer abgenommen und Anweisungen meiner Zimmerwirtin entgegengenommen. Leider sind mir diese Ideen grundsätzlich immer nur während der Nachstunden gekommen und für derartige Erklärungsversuche reicht mein Armenisch bei weitem nicht. Genau genommen verstehe ich von dieser so fremd klingenden Sprache nicht ein einziges Wort. Irgendwann blitzt und donnert es nicht mehr und ich stehe auf. zum Frühstück gibt es Eier mit lustigen kleinen runden Wurststücken darin und Kaffee eines bekannten Schweizer Instandhersteller. Der Tag soll Regen bringen - zumindest exklusiv für mich. Unweit meiner Herberge, die mich des Nächtens mit so wundervollen Unwettern versorgt hat, stürzt das Wasser des Vorotan über felsigen Grund in die Tiefe. Eigentlich nichts besonderes, hier geschieht das aber so: Nachdem alle Wurststückchen bedeckten Eier verputzt sind, fahre ich mit Garik nach Shaki, nur wenige Kilometer entfernt in Richtung karabachischer Grenze. Die Fahrt ist kurz und bietet außer einem kleinen rundlichen Polizisten, den Grarik nach dem rechten Weg fragt und der uns in seiner gestenreichen Erklärung in zwei grundverschiedene Himmelsrichtungen schickt nichts weiter spektakuläreres. Aber wir kommen dennoch an. Der Weg zum schaltbaren Wasserfall endet an einem Gitterzaun mit einem so imposanten Vorhängeschloss, daß ich nicht genau weiss was hier eigentlich was zusammenhält. Wir hupen emsig und werden irgendwann erhört. Zwei jungenhafte Torwächter stapfen durch das hüfthohe Gras jenseits des Zaun. Wohlfeil informieren wir über unser Ansinnen und blicken in zwei verneinende Augenpaare. Sogleich beginnt dieses herrliche Austauschen von Pro- und Contraargumenten was ich an Osteuropa einfach unwiderstehlich finde und so sehr liebe. Jedwede Sinnhaftigkeit besteht ausschließlich darin die eigenen Positionen in immer neue Wort- und Satzkonstruktionen zu kleiden ohne auch nur einen Deut von seinem eigentlichen Ziel abzuweichen. Glücklicherweise geschieht die aktuelle Konversation auf Russisch, wodurch ich nicht gänzlich von ihr ausgeschlossen bin. Zugegeben Irgendwann ändern Garik und ich einfach so die Strategie und erwähnen nicht gerade beiläufig die Frage ob es wohl möglich sein soll, daß ein deutscher Journalist ohne dieses eigentümliche Naturschauspiel nach Hause zurückkehren kann. Wenn gar nichts mehr geht, an der Ehre eines Armeniers zu seinem Heimatland führt kein Weg vorbei: Diskussion schlagartig beendet - Tor auf. Grossartig! Garik parkt den Wagen und wir klettern mit unseren ehrgestärkten beiden neuen Freunden über ein paar Hügel zu eine Anhöhe hinauf.
Da steht er also vor mir, der wundersamste Wasserfall Armeniens. Mehrere Duzend Meter hoch und knapp doppelt so breit. Das heißt eigentlich stehe ich vor einen Felswand und die ist ziemlich trocken. Lediglich im oberen rechten Drittel kämpft sich eine kleine Wasserader in Richtung Tiefe. Die ehrgestärkten Hüter des kostbaren Nass bitten mich Platz zu nehmen. Folgsam suche ich mir einen kleinen Felsen und bringe mich in Position. Einige Meter werde ich noch zurückbeordert und dann verschwinden die beiden sekundenschnell. Auch Garik ist nicht mehr zu sehen und ich hocke mutterseelenallein auf einem Stein irgendwo im Nirgendwo. Gespannt blicke ich auf das herab tröpfelnde Rinnsal. Sekunden bevor ich meine kurzfristige Überlegung, mich hier eventuell doch häuslich nieder zu lassen in die Tat umsetzen kann beginnt die Wassershow. Erst in der Mitte des Massivs, dann über seine ganze Breite bricht das Wasser über die Kuppe in die Tiefe. Laut, brachial einer Naturgewalt gebührend tost es mir um die Ohren. Mir bleibt nur eine Wahl: In Erinnerung des Traurig tröpfelnden Duschmöglichkeiten im Haus der grünen Telefonapparate stürze ich mich freudig fröhlich in das feuchte Vergnügen. Eine Herrlichkeit die kein Ende nehmen mag. Schließlich beende ich mit Rücksicht auf meine Körpertemperatur das bergische Bad und klettere wieder ins Trockene. Am erneut wieder verschlossenen Tor treffe ich die beiden Wächter wieder, werde hinausgelassen und weiß nun auch endlich was es mit dem Wasserfall von Shaki auf sich hat:
Genaugenommen haben die beiden für mich nicht an- sondern eher abgestellt. Nämlich die Turbinen des lokalen Kraftwerks die sonst von der Naturgewalt gespeist und angetrieben werden. Dankend und geduscht steige ich, um eine kaukasische Attraktion reicher ins Auto und brause davon.