Kaukasus / Armenien: Auf der Haschhöhe
27.01.12 // 10:58 uhr
projekt: diashow kaukasus
Lowa, bereits weit in den Siebzigern ist eine Viertelstunde zu früh und klingelt bereits um kurz vor neun auf dem schmuckvoll sowjetischen Wählscheibentelefon meiner yerevaner Wohnung. Wieder einmal wundere ich mich über die Pünktlichkeit in einem Land, in dem sonst doch alles so gemütlich vonstatten zu gehen scheint. Er ist hochgewachsen, sein weißes Haar trägt er kurz über dem sonnengebräunten Gesicht. Wir wollen zum "Karli lich"' einem kleinem See in den Höhen des Aragats, dem höchsten Berg Armeniens, wenige Kilometer nordwestlich von Yerewan. Sein indischer Jeep schnürt dem Fuß des Berges entgegen. Ich genieße die Ruhe, die er ausstrahlt. Obwohl er fließend russisch spricht, macht er angenehm wenig Gebrauch davon. Er preisst nicht unaufhörlich sein Heimatland, sondern wählt die Worte mit Bedacht und spricht leise und mit der sonoren Stimme eines Mannes seines Alters. Es fehlt ihm völlig der grobe Unterton den ich von vielen Yerewaner Taxichaufeuren her kenne. Ich gebe aber zu das dieser dann doch meist auch zu ihnen paßt. Lowa ist ein gläubiger Mann und steuert selbstverständlich als erstes eine Kirche an, deren genussvolles Betrachten unablässig für mein weiteres Fortkommen zu sein scheint. Und um diese religiöse Einheit noch vollkommener zu gestalten, bleibt mir dieses Vergnügen ganz alleine vorbehalten. Ich fühle mich so gar ein bisschen exklusiv. Schönes Gefühl. Lowa parkt den Wagen und setzt sich mit einer Flasche Wasser in den Schatten. Ich stiefele also die Treppen zur Kirche hoch und Erde von einer entgegenkommenden Hochzeitsgesellschaft ausgebremst. Höflich schiebe ich mich selbst in eine Ecke des Kirchengartens und betrachte das Treiben. Zuerst tummeln sich zwei Blumenkinder am Eingangsportal gefolgt von martialischen kleingewachsenen Männern in kunstseidig glänzenden Anzügen eines in diesen Tagen insolvent gegangenen deutschen Versandhauses. Zu Recht wie ich finde sollten sie ernsthaft ihre 80er-Jahre Stoffballen in den Osten verschoben haben und hier auch noch willige Abnehmer gefunden zu haben. allerlei Händys klingeln und nun folgen auch die Damen der Gesellschaft in langen, eleganten tiefdekoltierten Kleidern. Das Versandhaus scheint nur Herrenware in den Kaukasus geschleust zu haben.
Angesichts dieser Erkenntnis will ich dieses familiäre Großereignis nicht weiter stören und verwehre mich selbst dem Kircheninterieur. Zurück am Auto berichte ich voll Stolz interessante Dinge beobachtet zu haben - und das war nicht einmal gelogen. Lowa lächelt und startet nicht weiter nachfragend das indische Urviech. Nach einer Stunde Fahrt verändert sich die Landschaft - es wird karger, die Straßen kurvenreicher und die mittlerweile. Im Zenit angekommene Sonne verwandelt alles in gleißendes Licht. Ein Ziegenhirte nebst Herde taucht am Wegesrand auf und veranlasst mich um einen Halt zu bitten. Was für ein Gesicht. Unter der Militärkappe ragt eine Nase hervor die die Sonnenabgewandte Seite fast vollständig unter Schatten setzt. Wie gesagt: es herrscht Mittagssonne. Die schwarzen Bartstoppeln auf seiner dunkel gegerbten Haut vervollständigen Bild. Für 180 Euro Salär im Monat hütet er hier Schafe eines Jerevaner Oberhirten, der ihn und einen weiteren Kollegen beschäftigt. Seine Hunde wirken jung und verspielt, tollen umher, bewältigen aber ihre Aufgabe bravorös und halten die Ziegenkörper auf Kurs auf Kurs. Wir verabschieden uns und kurven weiteren Höhenmetern entgegen. Das Landschaftsbild wird karstiger, die Schlaglöcher tiefer und am Horizont zeichnet sich das Ziel unserer kleinen Reise ab. Der kleine Bergsee baut sich mit spiegelnden Spitzlichtern auf der Wasseroberfläche vor uns auf. Löw parkt den bedächtig das Auto und wir kehren in ein schmukes, aber einfaches Bergrestaurant auf rund 3.000 Meter Seehöhe ein. An einem Tisch über dessen hölzernen Sonnenschutz bereits die ein und andere Dachlatte fehlt nehmen wir Platz. Die gemütlich wirkende Wirtin verhandelt mit Lowa unsere Bestellung und nur wenige Minuten später schleppt sie ein großes, breites Tablett an unseren Tisch heran. Auf einem Tongefäß mit Löchern zur Belüftung der im Inneren befindlichen Stückchen glühende Holzkohle thront eine weiter Tonschüssel mit milchig aussehendem Inhalt. Knochen mit weißer Fettmasse schwimmen in der Brühe. Ich folge ohne Widerspruch den Anweisungen von Lowa: salzen zunächst, bevor wir dann frischen Knoblauch hinzu geben. Einen Löffel Suche ich vergebens auf dem Tisch und bin natürlich gespannt wie diese Suppe wohl zu verspeisen ist. Lowa bemerkt meine fragende Verwunderung und beginnt sogleich trockenes Lawasch in meine Schale zu bröseln. Lawasch - das Brot der Erde Armeniens - ist ein flacher, nur papierstarker Weizenfladen, der einem im Kaukasus an jeder Ecke begegnet. In die milchige Suppe versenkt, verwandelt er sich in einen sämigen Brei der eben mangels Löffel nur eine Variante der zusichnahme zulässt: Die eigenen Finger. Jawohl genau so Ost es. Das Ganze ist selbstredend durch die Holzkohlenbeheizung recht heiß, wodurch Eile bei der oralen Zuführung geboten ist. hat man diese Prozedur relativ kleckerfrei vollzogen, entfaltet sich ein wunderbar weicher und zugleich - durch den Knoblauch - recht scharfer Geschmack der nur zwei Folgerungen zulässt. Erstens sollte alle Menschen mit denen man an diesem Tag noch Konversation oder gar darüber hinausgehende Intimitäten austauschen möchte, ebenfalls ihre Finger in eine solche Suppe gehabt haben und zweitens erkennt man unverzüglich das nur der ganze Berg auf dem Tisch stehendem, trockenen Lawasch die Suppe in einen fingerfähigen Brei verwandeln kann, das es eindeutig von Vorteil für die eigene Figur ist, wenn die Finger des Konversationspartners und die eigenen in derselben Schüssel umher fischen. Das ist mir leider nicht vergönnt. Ich habe eine ganze Schale ganz für mich alleine, schlage mich aber tapfer - wissend das nach dem Mal auf jeden Fall ein nicht zu klein bemessener klarer Schnaps seinen Weg zu mir finden wird. Lowas gütige Blicke nötigen mich glücklicherweise nicht das Schüsselleeren vollständig zu beenden. Ein kleiner Rest Brei und das weiche Fettgewebe der Knochen dürfen zurück bleiben.
Ich weiß aber jetzt: Hasch auf 3.000 Meter Höhe macht in Armenien satt und rund, läßt aber den Verstand in Frieden. Wer hätte das gedacht bei einem Gericht mit diesem Namen.
Lowa, bereits weit in den Siebzigern ist eine Viertelstunde zu früh und klingelt bereits um kurz vor neun auf dem schmuckvoll sowjetischen Wählscheibentelefon meiner yerevaner Wohnung. Wieder einmal wundere ich mich über die Pünktlichkeit in einem Land, in dem sonst doch alles so gemütlich vonstatten zu gehen scheint. Er ist hochgewachsen, sein weißes Haar trägt er kurz über dem sonnengebräunten Gesicht. Wir wollen zum "Karli lich"' einem kleinem See in den Höhen des Aragats, dem höchsten Berg Armeniens, wenige Kilometer nordwestlich von Yerewan. Sein indischer Jeep schnürt dem Fuß des Berges entgegen. Ich genieße die Ruhe, die er ausstrahlt. Obwohl er fließend russisch spricht, macht er angenehm wenig Gebrauch davon. Er preisst nicht unaufhörlich sein Heimatland, sondern wählt die Worte mit Bedacht und spricht leise und mit der sonoren Stimme eines Mannes seines Alters. Es fehlt ihm völlig der grobe Unterton den ich von vielen Yerewaner Taxichaufeuren her kenne. Ich gebe aber zu das dieser dann doch meist auch zu ihnen paßt. Lowa ist ein gläubiger Mann und steuert selbstverständlich als erstes eine Kirche an, deren genussvolles Betrachten unablässig für mein weiteres Fortkommen zu sein scheint. Und um diese religiöse Einheit noch vollkommener zu gestalten, bleibt mir dieses Vergnügen ganz alleine vorbehalten. Ich fühle mich so gar ein bisschen exklusiv. Schönes Gefühl. Lowa parkt den Wagen und setzt sich mit einer Flasche Wasser in den Schatten. Ich stiefele also die Treppen zur Kirche hoch und Erde von einer entgegenkommenden Hochzeitsgesellschaft ausgebremst. Höflich schiebe ich mich selbst in eine Ecke des Kirchengartens und betrachte das Treiben. Zuerst tummeln sich zwei Blumenkinder am Eingangsportal gefolgt von martialischen kleingewachsenen Männern in kunstseidig glänzenden Anzügen eines in diesen Tagen insolvent gegangenen deutschen Versandhauses. Zu Recht wie ich finde sollten sie ernsthaft ihre 80er-Jahre Stoffballen in den Osten verschoben haben und hier auch noch willige Abnehmer gefunden zu haben. allerlei Händys klingeln und nun folgen auch die Damen der Gesellschaft in langen, eleganten tiefdekoltierten Kleidern. Das Versandhaus scheint nur Herrenware in den Kaukasus geschleust zu haben.
Angesichts dieser Erkenntnis will ich dieses familiäre Großereignis nicht weiter stören und verwehre mich selbst dem Kircheninterieur. Zurück am Auto berichte ich voll Stolz interessante Dinge beobachtet zu haben - und das war nicht einmal gelogen. Lowa lächelt und startet nicht weiter nachfragend das indische Urviech. Nach einer Stunde Fahrt verändert sich die Landschaft - es wird karger, die Straßen kurvenreicher und die mittlerweile. Im Zenit angekommene Sonne verwandelt alles in gleißendes Licht. Ein Ziegenhirte nebst Herde taucht am Wegesrand auf und veranlasst mich um einen Halt zu bitten. Was für ein Gesicht. Unter der Militärkappe ragt eine Nase hervor die die Sonnenabgewandte Seite fast vollständig unter Schatten setzt. Wie gesagt: es herrscht Mittagssonne. Die schwarzen Bartstoppeln auf seiner dunkel gegerbten Haut vervollständigen Bild. Für 180 Euro Salär im Monat hütet er hier Schafe eines Jerevaner Oberhirten, der ihn und einen weiteren Kollegen beschäftigt. Seine Hunde wirken jung und verspielt, tollen umher, bewältigen aber ihre Aufgabe bravorös und halten die Ziegenkörper auf Kurs auf Kurs. Wir verabschieden uns und kurven weiteren Höhenmetern entgegen. Das Landschaftsbild wird karstiger, die Schlaglöcher tiefer und am Horizont zeichnet sich das Ziel unserer kleinen Reise ab. Der kleine Bergsee baut sich mit spiegelnden Spitzlichtern auf der Wasseroberfläche vor uns auf. Löw parkt den bedächtig das Auto und wir kehren in ein schmukes, aber einfaches Bergrestaurant auf rund 3.000 Meter Seehöhe ein. An einem Tisch über dessen hölzernen Sonnenschutz bereits die ein und andere Dachlatte fehlt nehmen wir Platz. Die gemütlich wirkende Wirtin verhandelt mit Lowa unsere Bestellung und nur wenige Minuten später schleppt sie ein großes, breites Tablett an unseren Tisch heran. Auf einem Tongefäß mit Löchern zur Belüftung der im Inneren befindlichen Stückchen glühende Holzkohle thront eine weiter Tonschüssel mit milchig aussehendem Inhalt. Knochen mit weißer Fettmasse schwimmen in der Brühe. Ich folge ohne Widerspruch den Anweisungen von Lowa: salzen zunächst, bevor wir dann frischen Knoblauch hinzu geben. Einen Löffel Suche ich vergebens auf dem Tisch und bin natürlich gespannt wie diese Suppe wohl zu verspeisen ist. Lowa bemerkt meine fragende Verwunderung und beginnt sogleich trockenes Lawasch in meine Schale zu bröseln. Lawasch - das Brot der Erde Armeniens - ist ein flacher, nur papierstarker Weizenfladen, der einem im Kaukasus an jeder Ecke begegnet. In die milchige Suppe versenkt, verwandelt er sich in einen sämigen Brei der eben mangels Löffel nur eine Variante der zusichnahme zulässt: Die eigenen Finger. Jawohl genau so Ost es. Das Ganze ist selbstredend durch die Holzkohlenbeheizung recht heiß, wodurch Eile bei der oralen Zuführung geboten ist. hat man diese Prozedur relativ kleckerfrei vollzogen, entfaltet sich ein wunderbar weicher und zugleich - durch den Knoblauch - recht scharfer Geschmack der nur zwei Folgerungen zulässt. Erstens sollte alle Menschen mit denen man an diesem Tag noch Konversation oder gar darüber hinausgehende Intimitäten austauschen möchte, ebenfalls ihre Finger in eine solche Suppe gehabt haben und zweitens erkennt man unverzüglich das nur der ganze Berg auf dem Tisch stehendem, trockenen Lawasch die Suppe in einen fingerfähigen Brei verwandeln kann, das es eindeutig von Vorteil für die eigene Figur ist, wenn die Finger des Konversationspartners und die eigenen in derselben Schüssel umher fischen. Das ist mir leider nicht vergönnt. Ich habe eine ganze Schale ganz für mich alleine, schlage mich aber tapfer - wissend das nach dem Mal auf jeden Fall ein nicht zu klein bemessener klarer Schnaps seinen Weg zu mir finden wird. Lowas gütige Blicke nötigen mich glücklicherweise nicht das Schüsselleeren vollständig zu beenden. Ein kleiner Rest Brei und das weiche Fettgewebe der Knochen dürfen zurück bleiben.
Ich weiß aber jetzt: Hasch auf 3.000 Meter Höhe macht in Armenien satt und rund, läßt aber den Verstand in Frieden. Wer hätte das gedacht bei einem Gericht mit diesem Namen.
Kaukasus / Armenien: Mein eigener Wasserfall
27.01.12 // 10:41 uhr
projekt: diashow kaukasus
Der Tag lichtet sich über Sisian. Über Nacht hat mich ein gehöriges Gewitter immer wieder aus dem Schlaf gerissen. Leuchtend helle Blitze verwandelten mein kleines Zimmer immer wieder in den grellen Lichtstrom einer großstädtischen Diskothek. Mein Blick schweift durch den Raum, verfängt sich ständig an dem quadratischen Kasten neben der Tür. Tellergroß mit regelmäßigen Löchern an der Oberfläche und herrlich kräftig orange. Eine Kabelleitung führt von ihm über die Wand zu einem kleinen Mauerdurchbruch oberhalb des Fensters um von dort nach draußen in den Flur zu verschwinden. Ich stelle mir vor, wie eine rauchige, bestimmende Frauenstimme alle Bewohner des Hotels zu einer Art Morgenappell beordert deren Nichtbeachtung eine Sanktionierung im Frühstücksraum unweigerlich nach sich zieht. Die Stimme aber ertönt nicht und der orangene Kasten verharrt stumm an der Wand. Meine Hoffnungen hotelinterner fernsprachlicher Unwetterwarnungen richten sich daher auf das grüne Telefon in kantiger Form neben meinem Bett. Es verfügt ausschließlich über einer quer aufliegenden Hörer. Eine Wählscheibe oder gar ein Tastenfeld fehlt hingegen völlig. In den schmalen Postenhäuschen an der Deutsch-Deutschen-Grenze standen auch immer solche Einbandstraßenfernprecher. Während meiner damaligen Grenzübertritte klingelten Sie aber nie und auch dieser kaukasische Bruderapparat bricht nicht mit dieser Tradition. Zu gerne hätte ich einmal den Hörer abgenommen und Anweisungen meiner Zimmerwirtin entgegengenommen. Leider sind mir diese Ideen grundsätzlich immer nur während der Nachstunden gekommen und für derartige Erklärungsversuche reicht mein Armenisch bei weitem nicht. Genau genommen verstehe ich von dieser so fremd klingenden Sprache nicht ein einziges Wort. Irgendwann blitzt und donnert es nicht mehr und ich stehe auf. zum Frühstück gibt es Eier mit lustigen kleinen runden Wurststücken darin und Kaffee eines bekannten Schweizer Instandhersteller. Der Tag soll Regen bringen - zumindest exklusiv für mich. Unweit meiner Herberge, die mich des Nächtens mit so wundervollen Unwettern versorgt hat, stürzt das Wasser des Vorotan über felsigen Grund in die Tiefe. Eigentlich nichts besonderes, hier geschieht das aber so: Nachdem alle Wurststückchen bedeckten Eier verputzt sind, fahre ich mit Garik nach Shaki, nur wenige Kilometer entfernt in Richtung karabachischer Grenze. Die Fahrt ist kurz und bietet außer einem kleinen rundlichen Polizisten, den Grarik nach dem rechten Weg fragt und der uns in seiner gestenreichen Erklärung in zwei grundverschiedene Himmelsrichtungen schickt nichts weiter spektakuläreres. Aber wir kommen dennoch an. Der Weg zum schaltbaren Wasserfall endet an einem Gitterzaun mit einem so imposanten Vorhängeschloss, daß ich nicht genau weiss was hier eigentlich was zusammenhält. Wir hupen emsig und werden irgendwann erhört. Zwei jungenhafte Torwächter stapfen durch das hüfthohe Gras jenseits des Zaun. Wohlfeil informieren wir über unser Ansinnen und blicken in zwei verneinende Augenpaare. Sogleich beginnt dieses herrliche Austauschen von Pro- und Contraargumenten was ich an Osteuropa einfach unwiderstehlich finde und so sehr liebe. Jedwede Sinnhaftigkeit besteht ausschließlich darin die eigenen Positionen in immer neue Wort- und Satzkonstruktionen zu kleiden ohne auch nur einen Deut von seinem eigentlichen Ziel abzuweichen. Glücklicherweise geschieht die aktuelle Konversation auf Russisch, wodurch ich nicht gänzlich von ihr ausgeschlossen bin. Zugegeben Irgendwann ändern Garik und ich einfach so die Strategie und erwähnen nicht gerade beiläufig die Frage ob es wohl möglich sein soll, daß ein deutscher Journalist ohne dieses eigentümliche Naturschauspiel nach Hause zurückkehren kann. Wenn gar nichts mehr geht, an der Ehre eines Armeniers zu seinem Heimatland führt kein Weg vorbei: Diskussion schlagartig beendet - Tor auf. Grossartig! Garik parkt den Wagen und wir klettern mit unseren ehrgestärkten beiden neuen Freunden über ein paar Hügel zu eine Anhöhe hinauf.
Da steht er also vor mir, der wundersamste Wasserfall Armeniens. Mehrere Duzend Meter hoch und knapp doppelt so breit. Das heißt eigentlich stehe ich vor einen Felswand und die ist ziemlich trocken. Lediglich im oberen rechten Drittel kämpft sich eine kleine Wasserader in Richtung Tiefe. Die ehrgestärkten Hüter des kostbaren Nass bitten mich Platz zu nehmen. Folgsam suche ich mir einen kleinen Felsen und bringe mich in Position. Einige Meter werde ich noch zurückbeordert und dann verschwinden die beiden sekundenschnell. Auch Garik ist nicht mehr zu sehen und ich hocke mutterseelenallein auf einem Stein irgendwo im Nirgendwo. Gespannt blicke ich auf das herab tröpfelnde Rinnsal. Sekunden bevor ich meine kurzfristige Überlegung, mich hier eventuell doch häuslich nieder zu lassen in die Tat umsetzen kann beginnt die Wassershow. Erst in der Mitte des Massivs, dann über seine ganze Breite bricht das Wasser über die Kuppe in die Tiefe. Laut, brachial einer Naturgewalt gebührend tost es mir um die Ohren. Mir bleibt nur eine Wahl: In Erinnerung des Traurig tröpfelnden Duschmöglichkeiten im Haus der grünen Telefonapparate stürze ich mich freudig fröhlich in das feuchte Vergnügen. Eine Herrlichkeit die kein Ende nehmen mag. Schließlich beende ich mit Rücksicht auf meine Körpertemperatur das bergische Bad und klettere wieder ins Trockene. Am erneut wieder verschlossenen Tor treffe ich die beiden Wächter wieder, werde hinausgelassen und weiß nun auch endlich was es mit dem Wasserfall von Shaki auf sich hat:
Genaugenommen haben die beiden für mich nicht an- sondern eher abgestellt. Nämlich die Turbinen des lokalen Kraftwerks die sonst von der Naturgewalt gespeist und angetrieben werden. Dankend und geduscht steige ich, um eine kaukasische Attraktion reicher ins Auto und brause davon.
Der Tag lichtet sich über Sisian. Über Nacht hat mich ein gehöriges Gewitter immer wieder aus dem Schlaf gerissen. Leuchtend helle Blitze verwandelten mein kleines Zimmer immer wieder in den grellen Lichtstrom einer großstädtischen Diskothek. Mein Blick schweift durch den Raum, verfängt sich ständig an dem quadratischen Kasten neben der Tür. Tellergroß mit regelmäßigen Löchern an der Oberfläche und herrlich kräftig orange. Eine Kabelleitung führt von ihm über die Wand zu einem kleinen Mauerdurchbruch oberhalb des Fensters um von dort nach draußen in den Flur zu verschwinden. Ich stelle mir vor, wie eine rauchige, bestimmende Frauenstimme alle Bewohner des Hotels zu einer Art Morgenappell beordert deren Nichtbeachtung eine Sanktionierung im Frühstücksraum unweigerlich nach sich zieht. Die Stimme aber ertönt nicht und der orangene Kasten verharrt stumm an der Wand. Meine Hoffnungen hotelinterner fernsprachlicher Unwetterwarnungen richten sich daher auf das grüne Telefon in kantiger Form neben meinem Bett. Es verfügt ausschließlich über einer quer aufliegenden Hörer. Eine Wählscheibe oder gar ein Tastenfeld fehlt hingegen völlig. In den schmalen Postenhäuschen an der Deutsch-Deutschen-Grenze standen auch immer solche Einbandstraßenfernprecher. Während meiner damaligen Grenzübertritte klingelten Sie aber nie und auch dieser kaukasische Bruderapparat bricht nicht mit dieser Tradition. Zu gerne hätte ich einmal den Hörer abgenommen und Anweisungen meiner Zimmerwirtin entgegengenommen. Leider sind mir diese Ideen grundsätzlich immer nur während der Nachstunden gekommen und für derartige Erklärungsversuche reicht mein Armenisch bei weitem nicht. Genau genommen verstehe ich von dieser so fremd klingenden Sprache nicht ein einziges Wort. Irgendwann blitzt und donnert es nicht mehr und ich stehe auf. zum Frühstück gibt es Eier mit lustigen kleinen runden Wurststücken darin und Kaffee eines bekannten Schweizer Instandhersteller. Der Tag soll Regen bringen - zumindest exklusiv für mich. Unweit meiner Herberge, die mich des Nächtens mit so wundervollen Unwettern versorgt hat, stürzt das Wasser des Vorotan über felsigen Grund in die Tiefe. Eigentlich nichts besonderes, hier geschieht das aber so: Nachdem alle Wurststückchen bedeckten Eier verputzt sind, fahre ich mit Garik nach Shaki, nur wenige Kilometer entfernt in Richtung karabachischer Grenze. Die Fahrt ist kurz und bietet außer einem kleinen rundlichen Polizisten, den Grarik nach dem rechten Weg fragt und der uns in seiner gestenreichen Erklärung in zwei grundverschiedene Himmelsrichtungen schickt nichts weiter spektakuläreres. Aber wir kommen dennoch an. Der Weg zum schaltbaren Wasserfall endet an einem Gitterzaun mit einem so imposanten Vorhängeschloss, daß ich nicht genau weiss was hier eigentlich was zusammenhält. Wir hupen emsig und werden irgendwann erhört. Zwei jungenhafte Torwächter stapfen durch das hüfthohe Gras jenseits des Zaun. Wohlfeil informieren wir über unser Ansinnen und blicken in zwei verneinende Augenpaare. Sogleich beginnt dieses herrliche Austauschen von Pro- und Contraargumenten was ich an Osteuropa einfach unwiderstehlich finde und so sehr liebe. Jedwede Sinnhaftigkeit besteht ausschließlich darin die eigenen Positionen in immer neue Wort- und Satzkonstruktionen zu kleiden ohne auch nur einen Deut von seinem eigentlichen Ziel abzuweichen. Glücklicherweise geschieht die aktuelle Konversation auf Russisch, wodurch ich nicht gänzlich von ihr ausgeschlossen bin. Zugegeben Irgendwann ändern Garik und ich einfach so die Strategie und erwähnen nicht gerade beiläufig die Frage ob es wohl möglich sein soll, daß ein deutscher Journalist ohne dieses eigentümliche Naturschauspiel nach Hause zurückkehren kann. Wenn gar nichts mehr geht, an der Ehre eines Armeniers zu seinem Heimatland führt kein Weg vorbei: Diskussion schlagartig beendet - Tor auf. Grossartig! Garik parkt den Wagen und wir klettern mit unseren ehrgestärkten beiden neuen Freunden über ein paar Hügel zu eine Anhöhe hinauf.
Da steht er also vor mir, der wundersamste Wasserfall Armeniens. Mehrere Duzend Meter hoch und knapp doppelt so breit. Das heißt eigentlich stehe ich vor einen Felswand und die ist ziemlich trocken. Lediglich im oberen rechten Drittel kämpft sich eine kleine Wasserader in Richtung Tiefe. Die ehrgestärkten Hüter des kostbaren Nass bitten mich Platz zu nehmen. Folgsam suche ich mir einen kleinen Felsen und bringe mich in Position. Einige Meter werde ich noch zurückbeordert und dann verschwinden die beiden sekundenschnell. Auch Garik ist nicht mehr zu sehen und ich hocke mutterseelenallein auf einem Stein irgendwo im Nirgendwo. Gespannt blicke ich auf das herab tröpfelnde Rinnsal. Sekunden bevor ich meine kurzfristige Überlegung, mich hier eventuell doch häuslich nieder zu lassen in die Tat umsetzen kann beginnt die Wassershow. Erst in der Mitte des Massivs, dann über seine ganze Breite bricht das Wasser über die Kuppe in die Tiefe. Laut, brachial einer Naturgewalt gebührend tost es mir um die Ohren. Mir bleibt nur eine Wahl: In Erinnerung des Traurig tröpfelnden Duschmöglichkeiten im Haus der grünen Telefonapparate stürze ich mich freudig fröhlich in das feuchte Vergnügen. Eine Herrlichkeit die kein Ende nehmen mag. Schließlich beende ich mit Rücksicht auf meine Körpertemperatur das bergische Bad und klettere wieder ins Trockene. Am erneut wieder verschlossenen Tor treffe ich die beiden Wächter wieder, werde hinausgelassen und weiß nun auch endlich was es mit dem Wasserfall von Shaki auf sich hat:
Genaugenommen haben die beiden für mich nicht an- sondern eher abgestellt. Nämlich die Turbinen des lokalen Kraftwerks die sonst von der Naturgewalt gespeist und angetrieben werden. Dankend und geduscht steige ich, um eine kaukasische Attraktion reicher ins Auto und brause davon.